• Unterschiede im Gesundheitszustand der Deutschen zwischen Ost und West
  • Wohlhabende Bundesländer haben tendenziell gesündere Einwohner
  • Baden-Württemberg ist das gesündeste Bundesland Deutschlands

Das deutsche Gesundheitssystem galt lange Zeit als Vorreiter und Inspiration für andere Länder. Seit der 1883 von Bismarck eingeführten gesetzlichen Krankenversicherung haben die Menschen Anspruch auf Gesundheitsleistungen. Heute sind insgesamt 96 Prozent der Deutschen krankenversichert - 85 Prozent gesetzlich und 11 Prozent privat. Sind dadurch alle Deutschen gleich gesund? DrEd hat sich angesehen, wie es wirklich um die Gesundheit der Deutschen steht.

Eines ist schon einmal vorab festzuhalten: Die einzelnen Regionen Deutschlands unterscheiden sich hinsichtlich des Gesundheitszustandes ihrer Bewohner. Die Daten des Statistischen Amts der Europäischen Union (Eurostat) zeigen die gravierenden regionalen Unterschiede in der gesundheitlichen Verfassung der Deutschen in allen 16 Bundesländern.

Die interaktive Karte illustriert die Verteilung der einzelnen Krankheitsfälle pro Bundesland.

DIE ERKRANKUNGEN DER DEUTSCHEN PRO BUNDESLAND
Auswahl:

Ost-West: Der Vergleich

Deutschland ist selbst über 25 Jahre nach dem Mauerfall noch immer geteilt - in Bezug auf die Krankheiten: Wie die Landkarte zeigt, sind bei bestimmten Krankheiten Unterschiede in Ost- und Westdeutschland auszumachen. Dieser Unterschied ist besonders bei verbreiteten Erkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck stark ausgeprägt.

Auch bei den alkoholischen Leberschäden ist der Unterschied groß. Die Deutsche Welle bestätigt unsere Beobachtung. Das Buch “Alkoholkonsum und alkoholbezogene Störungen in Deutschland” begründet diesen Fakt mit verschiedenen Diagnose- und Therapieansätzen in Ost und West. Demnach fand der Anteil der Personen mit alkoholbezogenen Störungen in Ostdeutschland während der ersten Jahre der Wiedervereinigung (1990-1992) seinen Höhepunkt und sinkt seitdem stetig.

Wohlhabendes Bundesland, gesundes Bundesland

Die Deutschen leiden am häufigsten unter Kreislauferkrankungen, Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes (bspw. Arthrose oder Bandscheibenvorfall) sowie unter der Neubildung von Tumoren und Krebs. Seltener sind dagegen Hauterkrankungen, hormonelle Störungen und Stoffwechselerkrankungen in den deutschen Kliniken zu verzeichnen.

In welchem Bundesland wohnen die Menschen mit den meisten Erkrankungen? Betrachtet man die Anzahl der Erkrankungen in allen 16 Bundesländern, stehen die Bewohner Mecklenburg-Vorpommerns an der traurigen Spitze: Im Vergleich aller Bundesländer hat die Ostseeregion mit 31.000 Klinikaufenthalten pro 100.000 Einwohnern die meisten Krankeitsfälle Deutschlands zu verzeichnen. Bezogen auf die einzelnen Krankheiten belegt Mecklenburg-Vorpommern bei fünf der insgesamt 14 betrachteten Krankheiten den ersten Platz: Bei Diabetes, Asthma, Brustkrebs, alkoholischen Leberschäden und psychischen Erkrankungen.

Am südlichen Ende Deutschlands und gleichzeitig unteren Ende der Tabelle steht Baden-Württemberg als das gesündeste Bundesland Deutschlands. Es weist nicht nur die wenigsten Klinikaufenthalte des Landes auf, sondern ist gleichzeitig auch das reichste Bundesland nach Bayern. Gibt es somit einen Zusammenhang zwischen dem Einkommen und dem Gesundheitszustand?

Betrachtet man die Gesundheitsdaten im Zusammenhang mit dem Einkommen und der Arbeitslosigkeit der Deutschen, gibt es in ärmeren Bundesländern mit höherer Arbeitslosigkeit tendenziell mehr gesundheitliche Probleme. So ist Mecklenburg-Vorpommern nicht nur eines der ärmsten Bundesländer, sondern auch das mit der zweithöchsten Arbeitslosenquote bei 9,6% (nur leicht übertroffen von Berlin mit 9,8%)1. Doch wie hängen Armut, Arbeitslosigkeit und Gesundheit zusammen?
Wie eine Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt, rauchen arbeitslose und ärmere Menschen mehr und machen weniger Sport. Auch sind sie tendenziell eher übergewichtig - ein Faktor, der als Auslöser vieler Krankheiten in Industriestaaten gilt.

Der stärkste Zusammenhang zwischen dem Einkommen und Krankheiten tritt bei Diabetes auf (p=0,005). Somit sinkt mit zunehmendem Einkommen das Risiko, an Diabetes zu erkranken. Ein Grund dafür ist ein tendenziell gesünderer Lebensstil mit ausreichend Bewegung und seltenem Auftreten anderer Risikofaktoren bei Menschen mit einem höheren Einkommen.

Die Ergebnisse zeigen außerdem einen starken Zusammenhang zwischen dem Einkommen und Kreislauferkrankungen (p=0,007) und Erkrankungen der Harnwegs- und Geschlechtsorgane, wie Nierenversagen (p=0,01).

Bei den Arbeitslosen konnte ein starker positiver Zusammenhang zwischen dem Einkommen und Erkrankungen der Harnwegs- und Geschlechtsorgane, Hautkrankheiten und hormonellen Störungen ermittelt werden.

Doch haben alle wohlhabenden Bundesländer automatisch gesunde Einwohner? Nein, die Studie gibt nur eine Tendenz an, denn hohes Einkommen allein garantiert keine gute Gesundheit. So belegt Niedersachsen den zweiten Platz der gesündesten Bundesländer Deutschlands, obwohl das Einkommen der Bewohner im mittleren Bereich liegt. Berlin, das sich beim Haushaltseinkommen der Bewohner eher im unteren Mittel des deutschen Durchschnitts befindet, belegt sogar den dritten Platz. Die Bayern, die das höchste Haushaltseinkommen der Deutschen vorweisen können, schneiden bei dem Gesundheitszustand jedoch nur mittelmäßig ab. Das heißt, dass neben dem Einkommen andere Faktoren, wie die sportliche Aktivität oder eine gesunde Ernährung eine wichtige Rolle spielen.

1 Nach dem aktuellen Stand (Juni 2015) ist die Arbeitslosigkeit in Bremen mit 10,9% am höchsten, gefolgt von Berlin mit 10,5%. Mecklenburg-Vorpommern steht an vierter Stelle (9,6%).

Ein schwacher Zusammenhang zwischen Krankheiten und Luftverschmutzung

Der Vergleich der Anzahl der Klinikaufenthalte und der vom Umweltbundesamt dokumentierten Daten der Luftverschmutzung zeigt überraschende Ergebnisse: Je höher die durchschnittliche Konzentration der Schadstoffe in der Luft in einem Bundesland ist, desto niedriger ist auch die Anzahl der Klinikaufenthalte für fast alle Krankheiten. Diese umgekehrte Relation tritt besonders bei der Verschmutzung mit Stickstoffdioxid hervor - ein Stoff, der sonst auch der Schadstoff Nummer eins genannt wird.

Die Städte mit der höchsten Luftverschmutzung sind meist dicht besiedelte Städte, wie Berlin und Hamburg und vergleichsweise reiche Bundesländer wie Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg.

Doch eine weitere wichtige Erkenntnis birgt der Vergleich zwischen der Umweltverschmutzung und den Klinikaufenthalten: Die Feinstaubbelastung und die Anzahl der Atemwegserkrankungen in Deutschland steigen gemeinsam an. Auch wenn dieser Anstieg nur leicht verläuft, so zeigt er, dass die Luftverschmutzung, wie zu vermuten, einen Einfluss auf die Anzahl der Atemwegserkrankungen hat.

Macht harte Arbeit krank?

Menschen, die unter besonders harten Bedingungen arbeiten müssen, neigen häufiger dazu, krank zu werden. Dabei sind Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern auszumachen: Eine Studie aus dem Jahr 2012 befragte Menschen verschiedener Bundesländer, wie oft sie unangenehme oder körperlich anstrengende Arbeiten, wie das Tragen schwerer Lasten oder das Arbeiten in kalten, heißen oder feuchten Orten, verrichten müssen. Dabei gaben gerade die Bewohner der Regionen mit den meisten Klinikaufenthalten, wie Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, und Thüringen, am häufigsten an, unter genau diesen schweren Bedingungen zu arbeiten.

Dass Mecklenburg-Vorpommern auch in dieser Kategorie an der Spitze steht zeigt, dass schwere Arbeitsbedingungen tendenziell das Risiko einer Erkrankung erhöhen können.

Kein Zusammenhang zwischen Gesundheit und Kriminalität

Deutschland weist eine vergleichsweise geringe Kriminalitätsrate auf. Doch gibt es einen Zusammenhang zwischen der Gesundheit und der Kriminalitätsrate? Laut dieser Studie ist kein Zusammenhang ersichtlich - außer bei den Geburtsproblemen.

Wie die Abbildung zeigt, steigt das Risiko der Schwangerschafts- und Geburtsprobleme mit zunehmender Kriminalitätsrate an. Betrachtet man die Daten genauer, so ist dieser Trend besonders in der vorgeburtlichen (pränatalen) Phase und bei Komplikationen bei den Wehen ersichtlich. Woher dieser Zusammenhang stammt, ist jedoch aus den vorliegenden Daten nicht bekannt und müsste in einer anderen Studie ermittelt werden.

Die Statistik zeigt, dass Kriminalität und Schwangerschaftskomplikationen häufiger in großen Städten beziehungsweise Ballungsräumen auftreten. Bremen stellt in diesem Zusammenhang einen interessanten Ausreißer dar, da die Stadt die häufigsten Schwangerschaftskomplikationen zu verzeichnen hat.

So gesund ist Deutschland im europäischen Vergleich

Die vorherigen Daten haben sich auf den Gesundheitszustand der Deutschen konzentriert. Doch wie schneidet Deutschland im europäischen Vergleich ab?
Laut der Daten von Eurostat ist Deutschland eines der Länder mit den meisten Krankheitsfällen. Mit 24.290 registrierten Klinikaufenthalten pro 100.000 Einwohnern belegt Deutschland damit den zweiten Platz nach dem Tabellenführer Bulgarien.

Im Hinblick auf die verbreitetsten Krankheiten wird Deutschland bei den Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes sowie bei Unfällen und Krebsneubildungen nur von seinem Nachbarn Österreich übertroffen. Bei den psychischen Erkrankungen und Verhaltensstörungen hat Deutschland die meisten Krankheitsfälle vorzuweisen (1.630 Fälle pro 100.000 Einwohner in Deutschland). Die Ursachen für die große Anzahl an Krankheitsfällen in Deutschland sind aus den vorhandenen Daten nicht ersichtlich und müssten in einer weiteren Studie untersucht werden.

Doch kann Deutschland auch positive Ergebnisse erzielen? Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern gibt es in Deutschland relativ wenige Komplikationen bei Schwangerschaft und Geburten (1.075 Fälle pro 100.000 Einwohner). In dieser Kategorie ist Bulgarien mit 1.825 Fällen pro 100.000 Einwohnern der Tabellenführer.

Die Ergebnisse dieser Analyse sind ohne Gewähr: Es sollte beachtet werden, dass die Art der Datenerhebung und der Diagnose der Krankheiten in den einzelnen Ländern variieren.

Zusammenfassung

Die Deutschen sind nicht gleich gesund. Vielmehr sind gravierende regionale Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern auszumachen. So erkranken die Bewohner der ehemaligen DDR häufiger an Diabetes und Bluthochdruck und leiden öfter unter einer alkoholischen Leberschäden. Die meisten Krankheiten sind in Mecklenburg-Vorpommern zu verzeichnen, das gleichzeitig das einkommensärmste Bundesland Deutschlands darstellt. Zusätzlich arbeiten in Mecklenburg-Vorpommern viele Menschen unter körperlich anstrengenden oder erschwerten Bedingungen. Baden-Württemberg, eines der Bundesländer mit dem höchsten Haushaltseinkommen, geht hingegen als das gesündeste Bundesland aus dieser Studie hervor. Die Gründe für die regionale Kluft im Gesundheitszustand der Deutschen sind vielseitig: So können die Arbeitslosenquote, das Einkommen und die Ernährung als erklärende Faktoren für den Unterschied zwischen den einzelnen Bundesländer verantwortlich sein. Ein Zusammenhang zwischen der Kriminalitätsrate und der Gesundheit der Deutschen konnte nicht festgestellt werden.

Die häufigsten Krankheiten der Deutschen sind Kreislauferkrankungen, Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes (wie Arthrose oder Bandscheibenvorfall) sowie Neubildung von Tumoren und Krebs. Seltener sind dagegen Hauterkrankungen, hormonelle Störungen und Stoffwechselerkrankungen. Im europäischen Vergleich verzeichnet Deutschland die meisten Krankenhauspatienten nach Bulgarien. Im Hinblick auf die häufigsten Krankheiten weist Österreich bei der Erkrankung des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes, Unfällen und Neubildungen von Tumoren und Krebs die meisten Klinikaufenthalte auf - gefolgt von Deutschland. Bei den psychischer Erkrankungen und Verhaltensstörungen ist hingegen Deutschland mit den meisten Klinikaufenthalten an der Spitze vertreten.

Methode

Die Analyse der Klinikaufenthalte, des Einkommens und der Kriminalitätsrate erfolgte mittels der Daten von Eurostat. Die Zahlen der vorzeitigen Tode wurden anhand der Gesund­heits­bericht­erstat­tung des Bundes und die Umweltverschmutzungsdaten anhand des Umweltbundesamts ermittelt. Ziel dieser Studie war es, die Häufigkeitsverteilung der Krankheiten pro Bundesland zu bestimmen und deren Zusammenhang mit den Faktoren Wohlstand, Kriminalität und Luftverschmutzung zu untersuchen.

Verwendung der Daten

DrEd begrüßt Diskussionen, das Verwenden und Teilen der Daten dieser Seite. Bei Bedarf bitten wir Sie, auf DrEd und diese Seite zu verlinken, damit ihre Rezipienten die Methode dieser Studie nachvollziehen können und Zugang zu allen Forschungsergebnissen dieser Seite haben.

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Quellen

Waren Daten aus verschiedenen Jahren verfügbar, so wurden für diese Studie jeweils die aktuellsten verwendet. Die Zeitspanne der Daten reicht von 2011 bis 2014.

Klinikentlassungen der stationär behandelten Patienten pro Diagnose und pro 100.000 Einwohner http://ec.europa.eu/eurostat/web/products-datasets/-/hlth_co_disch2t
Daten über Lebenserwartung http://ec.europa.eu/eurostat/web/products-datasets/-/tgs00101
Daten über vorzeitige Todesfälle https://www.gbe-bund.de/gbe10/trecherche.prc_them_rech?tk=3600&tk2=3850&p_uid=gast&p_aid=95536359&p_sprache=E&cnt_ut=1&ut=3850
Daten über Arbeitslosigkeit http://ec.europa.eu/eurostat/web/products-datasets/-/lfst_r_lfu3rt
Daten über Einkommen http://ec.europa.eu/eurostat/web/products-datasets/-/nama_r_ehh2inc
Polizeilich dokumentierte Kriminalitätsrate http://ec.europa.eu/eurostat/web/products-datasets/-/crim_gen_reg
Erhebung der Arbeitsbedingungen https://www.gbe-bund.de/oowa921-install/servlet/oowa/aw92/dboowasys921.xwdevkit/xwd_init?gbe.isgbetol/xs_start_neu/&p_aid=3&p_aid=77562142&nummer=148&p_sprache=D&p_indsp=-&p_aid=63270879
Daten über Luftverschmutzung http://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/378/dokumente/pm10_2014_0.pdf
http://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/378/dokumente/no2_2014_0.pdf