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Die Potentiale der Telemedizin

Die Kommunikationsmöglichkeiten zwischen Arzt und Patienten haben sich seit den Zeiten unserer Großeltern kaum weiterentwickelt. Mediziner können zwar problemlos digitale Röntgenbilder um den Erdball schicken und per Videokonferenz mit Kollegen auf anderen Kontinenten diskutieren. Ein Großteil der kleinen Praxen ist aber weiterhin offline. Viele Haus- und Fachärzte haben noch nicht mal eine eigene Webseite. So ist es vielerorts nicht möglich, online einen Termin zu buchen, niemand erinnert per SMS an die Vorsorge, abgesehen von wenigen fortschrittlichen Zahnärzten, und funktionierende elektronische Patientenakten sind immer noch Zukunftsmusik.

Verbesserte medizinische Beratung durch neueste Technik

Internet und Smartphones verändern die Lebensrealität der Menschen. Wir sind es gewohnt, unsere Urlaubsflüge im Netz zu buchen und Online-Überweisungen zu tätigen. Und selbstverständlich suchen wir im Internet auch nach Antworten auf medizinische Fragen. Wir wollen 24/7 Erreichbarkeit und schnellen Service. Ärzte dürften davor die Augen nicht verschließen, fordert Martin Denz, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Telemedizin und eHealth. „Die Technik ist längst da, wir müssen nur lernen sie zu nutzen“, sagte Denz im Gesundheitsmagazin „Puls“ des Schweizer Fernsehens.

Telemedizin macht Fachwissen weltweit verfügbar

Wenn Technik in der Medizin räumliche Entfernungen überwindet, sprechen Fachleute von Telemedizin. „Durch Telemedizin ist medizinisches Fachwissen nicht mehr an den Standort des Arztes gebunden sondern weltweit verfügbar“, erklärt Wolfgang Loos, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin. Es gibt Ansätze, die die Versorgungsqualität verbessern und sogar Leben retten. Zum Beispiel sogenannte Schlaganfallnetzwerke, die kleine Krankenhäuser ohne neurologische Abteilung mit Spezialkliniken vernetzen. Sie sind bereits in vielen Regionen etabliert. Durch den engen Austausch mit Experten können auch die Ärzte in der Peripherie Schlaganfallpatienten optimal behandeln, der Transport in die Spezialklinik entfällt. Für den Patienten zählt jede Minute, denn das Zeitfenster, in dem ein Blutgerinnsel im Gehirn mit Medikamenten aufgelöst werden kann, schließt sich nach drei Stunden. Spritzen die Ärzte das Mittel vorher, kann der Patient wieder völlig gesund werden.

Doch abseits solcher Vorzeigebeispiele entwickelt sich die Telemedizin nur langsam. Informationsaustausch findet in Deutschland beinahe ausschließlich zwischen Arzt und Arzt statt. Die Gesundheitsversorgung ist nicht dem technologischen Fortschritt angepasst. Viele telemedizinische Initiativen stecken in der Projektphase fest und kommen nie in der flächendeckenden Regelversorgung an. Ein Grund sind die aufwändigen und komplizierten Vergütungswege. Bevor Ärzte eine Leistung abrechnen können, muss diese in einem Leistungskatalog definiert werden. Zudem muss der Nutzen einer Maßnahme in Studien belegt sein, bevor sie für alle finanziert wird. Das kostet Zeit und Geld. Noch gibt es wenige wissenschaftliche Daten.

Bundeskanzlerin Merkel betont die Chancen durch Telemedizin

In der ersten Regierungserklärung ihrer dritten Amtszeit betonte Bundeskanzlerin Angela Merkel 2014 die Wichtigkeit der Telemedizin für die medizinische Versorgung in Deutschland. Vor allem für die ländlichen Regionen, in denen der Weg zur nächsten haus- oder fachärztlichen Praxis sehr weit sein kann, soll die Telemedizin ein wichtiger Baustein sein, um die medizinische Versorgung zu ergänzen und zu unterstützen.

Hemmschuhe für innovative Gesundheitsversorgung in Deutschland

1. Fernbehandlungsverbot

Der größte Hemmschuh des telemedizinischen Fortschrittes in Deutschland ist allerdings die Musterberufsordnung für Ärzte. Sie besagt, dass ein Arzt Patienten nicht ausschließlich über elektronische Medien behandeln darf.

Die Deutsche Gesellschaft für Telemedizin engagiert sich für eine Abschaffung des Fernbehandlungsverbots. „Dieser Paragraph existiert nur in Deutschland“, erklärt Loos. „Hier gibt es Handlungsbedarf.“ Das sogenannte Fernbehandlungsverbot wurde ursprünglich als Teil des Geschlechtskrankheitengesetzes im Jahre 1927 verfasst. Doch diese Auffassung hält sich nach wie vor, obwohl sie zu einer Zeit eingeführt wurde, als die heutigen Möglichkeiten der Telemedizin nicht einmal erahnt wurden. “Die Fortschritte der Telemedizin zeigen, dass das Berufsrecht weiterentwickelt werden muss. Es ist an der Zeit, mit einer neuen Formulierung oder einem Interpretationsbeschluss der Bundesärztekammer Rechtssicherheit für die zahlreichen vielversprechenden Anwendungen der Telemedizin zu schaffen.” fordert Professor Christian Dierks, Facharzt für Allgemeinmedizin und Fachanwalt für Sozialrecht und Mitbegründer der Rechtsanwaltskanzlei Dierks & Bohle.

2. AMG-Novelle 2016

Im August 2016 wurden in Baden-Württemberg Ferndiagnose und Fernbehandlung im Modellversuch zugelassen. Mit der AMG-Novelle wird es nun zu der Situation kommen können, dass ein Arzt in Baden-Württemberg einen Patienten aus der Ferne behandelt und ein Apotheker in Baden-Württemberg die Einlösung des Rezepts verweigern muss.

Die Gesetzesänderung steht ebenfalls im Widerspruch zum 2015 erlassenen E-Health-Gesetz.Verschärft wurde das Fernbehandlungsverbot durch die im September 2016 erlassene Änderung des Arzneimittelgesetzes (IV. AMG Novelle), die besagt, dass Apotheken in Deutschland verschreibungspflichtige Medikamente nur dann ausgeben dürfen, wenn auf dem vorgelegten Rezept erkennbar ist, dass es vorausgehend einen persönlichen Kontakt zwischen Arzt und Patient gegeben hat.

Im internationalen Vergleich: Das Entwicklungsland Deutschland

Der Blick in andere europäische Länder zeigt: Ferndiagnose und Fernbehandlung werden bereits seit Jahrzehnten erfolgreich praktiziert: In dünn besiedelten Regionen wie Norwegen und Schweden werden Untersuchungen und Behandlungen seit Jahren aus der Ferne koordiniert. Der Arzt entscheidet von Patient zu Patient, ob er Telemedizin einsetzt oder nicht. In Ländern wie der Schweiz, Irland oder Großbritannien, können Patienten zudem rund um die Uhr per Telefon oder Internet einen Arzt konsultieren. Die großen Krankenversicherungen fördern dort die Ferndiagnosen und Fernbehandlungen.

DrEd bietet die telemedizinische Praxis auch Patienten in Deutschland an, doch stößt oft auf Gegenwind. Die Ärzte bei DrEd können auf Wunsch des Patienten einen Behandlungsbericht an den Arzt vor Ort weiterleiten. Der direkte Austausch unter den Ärzten ist heute bereits einfacher den je.

Ferndiagnose und Fernbehandlung durch einen Online-Arzt

Viele Ärzte und Patienten in Deutschland wünschen und fordern mehr Telemedizin für ihren Alltag und plädieren für eine Lockerung des Fernbehandlungsverbots. In einer Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem November 2016 sagt die Mehrheit der Befragten: “Die Verschreibung von Medikamenten soll auch möglich sein, wenn der Arzt nur online oder telefonisch kontaktiert wird.” Telemedizinische Versorgungsansätze, die ganz ohne den persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt auskommen, verbessern den Zugang zu medizinischer Versorgung erheblich. Der virtuelle Besuch in Form einer Video-Sprechstunde bei einem Online-Arzt ist ein gutes Beispiel.

Die Vorteile des Online-Arztes

Die Liste der Vorteile eines Online-Arztes ist lang: Menschen mit chronischen Krankheiten, zum Beispiel Asthma oder Bluthochdruck, die bereits von ihrem Arzt vor Ort auf ihre Tabletten eingestellt sind, können die Zeit im Wartezimmer sparen und ihr Folgerezept einfach online bestellen. Immobile Patienten müssen nicht mehr den beschwerlichen Weg zur Arztpraxis auf sich nehmen. Nicht nur die Anfahrt, auch die oft wochenlange Wartezeit bis zum Termin entfällt.

Gerade in ärztlich unterversorgten oder ländlichen Regionen wirken sich die Effekte dieser telemedizinischen Versorgung positiv aus: Ärztliche Beratung und Behandlung können an jedem Ort und über jedes Endgerät erfolgen, ob Smartphone, Tablet oder Computer. Die unkomplizierte Erreichbarkeit eines Online-Arztes macht auch eine Behandlung am Wochenende möglich, Rezeptausstellung, falls erforderlich, inklusive. Auch für Menschen unter Zeitdruck ist Telemedizin ein Gewinn. Der logistische Aufwand ist deutlich geringer. Das schätzen zum Beispiel Alleinerziehende, Arbeitnehmer im Schichtdienst oder Vielreisende.

Der Online-Arzt als Ergänzung zum Arzt vor Ort

Auch wenn heute viele Behandlungen telemedizinisch erfolgen können, bleibt der Gang zum ‘realen’ Arzt oft notwendig. Das betont DrEd immer wieder, so auch David Meinertz, Mitbegründer von DrEd: „Viele Patienten wenden sich an uns mit akuten Beschwerden, die aus der Ferne nicht diagnostiziert werden können. Diese Fälle verweisen wir an einen Arzt vor Ort.“ Ferndiagnose und Fernbehandlung können den Arztbesuch unterstützen, in bestimmten Krankheitsfällen ersetzen, dies jedoch nicht immer.

DrEd berät und behandelt deshalb zur Zeit 32 spezifische Krankheiten aus den Behandlungsfeldern Allgemeinmedizin (u.a. Heuschnupfen, Akne, Migräne), Innere Medizin (u.a. Asthma, Bluthochdruck, Cholesterin), Frauengesundheit (u.a. Verhütung, Blasenentzündung), Männergesundheit (u.a. Haarwuchs, Potenz) und Reisemedizin (Malaria). Es werden keine Rezepte für starke Schmerzmittel, Schlafmittel oder andere Medikamente ausgestellt, die ein erhöhtes Sucht- und Missbrauchspotential aufweisen.

Aus medizinischer Sicht spricht nichts dagegen, einem Patienten auch am Laptopbildschirm gegenüber zu sitzen. Der Hausarzt der Zukunft könnte zum Beispiel in einer Online-Sprechstunde abklären, welche Patienten er in die Praxis bestellt und für wen Rat aus der Ferne genügt. Auch die Überweisung zum Facharzt wäre online denkbar, oder aber die Nachsorge. „Man könnte den Experten per Videokonferenz zuschalten und quasi mit in die Praxis holen“, führt Wolfgang Loos den Gedanken weiter.

Fernbehandlung: Beispiel Psychotherapie

Dass gute Medizin ohne persönlichen Kontakt zwischen Arzt und Patient möglich ist, zeigt auch die internetbasierte Psychotherapie. Diese Behandlungsmethode wurde an der der Universität Amsterdam entwickelt und ist in den Niederlanden ein selbstverständlicher Teil der Patientenversorgung. Menschen mit Depressionen, Panikstörungen, dem Burn-out-Syndrom oder Bulimie werden erfolgreich auf der virtuellen Couch behandelt, ohne dass sie ihren Therapeuten je sehen oder dessen Stimme hören. Diese Art der Fernbehandlung hilft Arzt und Patient, routinierte Maßnahmen orts- und zeitunabhängig durchzuführen.

Die Diskussion um Telemedizin ist in Deutschland noch sehr am Anfang, aber nimmt langsam Fahrt auf. Doch solange das Fernbehandlungsverbot besteht und die Vernetzung der Ärzte untereinander noch in den Kinderschuhen steckt, bedarf es einer Kulturrevolution, um einen Kommunikationskanal in Richtung Patienten zu öffnen.

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